I

morgens flimmert das lid rechts in den winkeln. ich schreibe: an der rechten wange, ein wenig so neben dem muttermal am nasenflügel, unter dem wangenknochen, dort noch ein schwaches nachspüren seiner worte. es ist abwärts gerutscht. hat sich zwischen zwei rippen verfangen. ich linse durchs schlüsselbein, man hat darunterliegendes mit tüchern verhängt, gedunkelt kann ich nicht einmal die farbe erkennen. geraten: kardamon. moschus.

*
der blick verfängt sich im tischdeckenmuster, es fällt so schwer, ihr in die augen zu sehen und wie verschroben die finger am glas wandern, sagt sie den hollundersaft hab ich selbst gemacht, und ich versuche ein lächeln, das auf halbem weg in der luft erhängt, denn ich darf nicht fragen für wen?, weil es sich nicht gehört. ihr mach’s gut klingt leise und zu weit, wie der himmel über mir, den die stromleitungen wie reißverschlüsse verarzten.

III
ich will schreiben: die muttermale in deinem nacken sehen aus wie das sternbild waage. ich möchte mich auf die eine seite legen und sehen, was mehr wiegt. ich, oder dein leben. und während ich will, knirscht die tür, dann der fußboden, leise sagt er: oma hat angerufen und ich blinzle ein wenig, so vier fünf bilder wie er im türrahmen lehnt. sie sagt danke. fürs reden gestern. sie sagt, es sei schön gewesen, sehr sehr schön. ein paar mal nicken, schlucken, pelzige zunge. sie hat geweint, sagt er, türknirschen und allein zurückgelassen nichts mehr wissen, ein gedanke an eine umarmung und zierliche schultern, ein lächeln und tränen in den augenwinkeln, muschelrauschen und wie man mit messern auf die hülse schlägt, bis sie bricht – darin doch kein meer, auch kein rauschen. sie hat geweint. wie weh es tut, zu hören, dass selbst schnee wärmen kann.

IV
ich schweige am morgen, am mittag, am abend. denn was ich mir wünsche, ist jemand, der mich anfasst, als sei ich ein papiermensch, der mit mir in meinem schweigen die worte sucht, das ist ein grenzenfischer, der nur montags und donnerstags da ist und dem ich an den anderen tagen briefe schreibe in denen steht ich liebe es, dich zu vermissen, ich liebe es, mir vorzustellen, dass du eine andere küsst und dabei an mich denkst, ich liebe es, wenn du sagst, ich vermisse dich. was ich mir wünsche, ist jemand, der auf ein blatt papier oder eigentlich auf fünf mal fünf zentimeter eine mauer malt, dahinter ein junge, der seine angel über die mauer wirft und davor nach einem mädchen fischt, das lächelnd einen kuss an die angel heftet. das mädchen sollte ich sein. was ich mir wünsche, ist jemand, der weiß, dass ich das bild abends unter der dusche mit lavendelöl wegwaschen werde, der dabei an mich denkt und alle weißen papierblätter im haus zerreißt, weil das ist, wie sich an mir zu rächen, ohne mir weh zu tun. was ich mir wünsche, ist jemand, der mir keine briefe schreibt, mir sagt ich liebe es, dich zu vermissen, ich liebe es, mir vorzustellen, dass du einen anderen küsst und dabei an mich denkst, ich liebe es, wenn du sagst, ich vermisse dich. was ich mir wünsche ist einer, der abends die worte vergisst, dessen hände kalt sind, dessen fingerspitzen zittern. das ist jemand, mit lippen weint.

*
ich habe jedem einzelnen mit den fingerkuppen „grenzfischer“ auf die haut geschrieben, dann haben sie die hände mit worten verwechselt, mich mit einer anderen und versucht, aus jedem vokal ein netz zu knüpfen und geweint, mit stimme und mit worten, als ich sie ihnen zerbiss. was ich mir wünsche, ist ein grenzfischer ohne netz, das ist jemand, wie du.

V
ich habe mir zuggesichter gesammelt, arztpraxisgesichter und straßenalleegesichter bei zwei uhr nachts. die ersten sind verzogen und geschliert, die zweiten scharf gestochen und die dritten ein schwarzer fleck. ich habe mir zu allen namen überlegt, keine gefunden und die gesichter in meine hände gebettet und später habe ich unter der bettdecke meinen atem gesucht, mir mit händen über die lippen gestrichen.

*
heute morgen habe ich mir stimmbruch an die mundwinkel gestickt. in meinem kopf bleibt ein geräusch: das zerreißen von papier.

9.6.09 15:30


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ich. diminutiv. oder: weil.

ich bin lesbar. und ich frage mich gerade, was ich mir bei diesem satz bin. ich bin lesbar. ja. bin hörbar, berührbar, sehbar, riechbar, schmeckbar - das sind drei lügen.
ich bin lesbar.

a: der typ frau bist du nicht, nadja.
o: bitte, sag nicht nadja.
a: wieso nicht?
sagen: einfach so.

denken: weil das zu sehr ich bin. vom russischen abgeleitet bedeutet nadja "hoffnung", aus dem orient übernommen "morgentau" und vom arabischen ausgehend "sprecherin".
mein vater war ganz versessen darauf, mich nadja zu nennen. es musste dieser name sein. kein anderer. und es musste ich sein. wollte zu früh sitzen lernen, hantelte mich am tisch entlang, gehen wollte ich, sofort und dann stundenlang den aquariumsbildschirmschoner am computer meines vaters betrachten, mit den händen die konturen der fische nachzeichnen, nie alleine sein, meiner mutter überall hinfolgend, und mir beim selbstständigen kakaokochen, als meine mutter einmal, während die milch aufkochte, im badezimmer zum telefonieren verschwand, nicht die finger verbrannt, sondern nur das herz, als der kakao auf den boden stürzte - weil es so nicht geplant war. 
habe mich vor einigen jahren zu häufig und zu heftig darüber beschwert, mir schien nadja so unpassend in seinem wortlaut, seinem klang. nadja. kantig, knapp, zu viel a darin, zu viel anfang und kein hinweis darauf, wo ein b lieg, ein m und ein o.
hoffnung. morgentau. sprecherin. passender könnte nichts sein. nichts.

es sollte mir gut gehen. hier bei mir, wie die sonne über die haut streicht und platzregen die betonfließen am balkon dunkel färbt, dass eine mir ihr lächeln in den nacken heftet und sagt: der himmel tropft, auch wenn ich diese eine bin; wie die finger im gras irren, als sei hier ein bisschen zeit liegen geblieben, eingeschlängelt.
stattdessen sehen die augen ohne linsen und brille nur geschliertes, ein wenig wie: ich sehe was, was du nicht siehst, dabei die augen zukneifen und den andern gewinnen lassen. oder: ich halte mir frühmorgens das wasserglas gegen die stirn, darin das puppentheater eines frühmorgens und mich dann nicht groß fühlen. nur plump.
es ist ein warten. vom ersten wolkenzerpflücken am himmel bis zum dunkeln des zimmers am abend; wenn ich mit den fingern über die ausgetrocknete erde der pflanzen am balkon streiche, mir denke: die sollte man gießen und dann: mich auch. auf meinem schreibtisch sind die gänseblümchen eingegangen, wenn man versucht "er liebt mich/er liebt mich nicht" zu spielen, zerfallen alle blütenblätter auf einmal.

ich denke: ich hätte sie verdient. die liebe. die kleine liebe. weil die große mich erdrücken würde, weil sie nicht vermessen könnte, weil ich in ihr herumstreifen würde, frühlingsauf, herbstab, umgekehrt auch, und nicht anstoßen würde, nicht anecken und weil ich nie könnte, ohne dieses kantenschleifen an der haut, weil kontra geben das a ist, das o nicht, aber immer das a, weil dort alles anfängt. weil ich so viele lächeln übrig habe, weil meine lippen nicht rau sind, weil meine haut im nacken und am schlüsselbein sich ins gold verfärbt, weil ich nie ballett tanzen konnte, aber die finger meinen, einen versuch sei es allemal wert.
weil ich immer schon das kleine wollte und nie das große. weil das problen an diesem wollen keines gewesen wäre, hätte ich nicht immer alles kleine gewollt, alles alles alles. weil ich detailverliebt bin und wenn jemand sagt: die bananenschale falte ich zu einer ziehharmonika, muss das ich sein.

mir ist die lust aufs bloggen vergangen. wieso verkleiden, was nicht zu verkleiden gilt? mich hinter metaphern verstecken fällt mir zu leicht. und ich wollte nie den einfachen weg gehen. will warten, bis ich eine form des einfach seins gefundn hab, in der man hinter all dem "schrotter auf" eine verwischt spur ich lesen kann.

es ist nicht, dass er mir nicht gut ginge. es ist, dass es mir nicht gut tut. und weil er nicht ist, nur kontra gibt, nur das a ist und das o, weil seine worte schwarz sind und weiß und wissen und scharf und kantig sind und bleischwer, weil ab und an so am rand lächeln, darüber hinau lächeln, nur ganz leicht, dort bröckeln und man schon meint, etwas dahinter sehen zu können, man meint, das lächeln knnte man zerpflücken und es bliebe ein mund wie ein strich. dort sagen: dein mund ist ein strich und er bleibt es, wenn ich dich küsse. das zitieren, weil es einfacher wäre. dort müsste man allerdings sagen: von deinem mund zieht sich ein strich entlang deines körpers, verfängt sich an deiner hüfte, stolpert dort, und zieht dann weiter. und es bleibt dieser strich, wenn ich dich berühre.
weil es nur ums "ja" und "nein" geht und nicht um die zwischentöne eines "ja?" und eines "nein?". weil nicht nur seine worte blei sind, sondern seine liebe es auch wäre und weil ich nicht weiß, und es doch weiß, aber es nicht glauben will, ob und dass sie mich zerdrücken würde, so, wie man surrende mücken erschlägt, sich danach die finger vom kalten wasser rein waschen lässt und sich manchmal fragt: was sollte ich hier fühlen?
er tut mir nicht gut. vielleicht ist es das, vielleicht reicht das. weil ich immer jene wollte, die gingen, die blei zurück ließen und atemreste, die weder warm noch kalt noch lauwarm, die einfach atemreste waren. weil das und er nicht nur a ist, sondern auch o und weil ich ohne schablone noch nie ein perfektgeformtes o zeichnen konnte.

etwas wie ein brennen zieht sich vom hals herauf in die augen. ich könnte heute nicht einfach sein, weil die ehrlichkeit darin mir lügen strafte: es war ein kindliches provozieren, das darin endete, dass er mich zu sich nach hause einlud. für irgendwann. weil er gut aussieht und das auch weiß, weil er intelligent ist und das auch weiß. weil ein gedanke und ein wort am anderen reibt und weil das knistern, das man daraus lesen kann dasselbe ist, wie zu schreiben: als sie die hände losließ, brach der himmel weg. sie schwang kopfüber den der schaukel.
ich kann nicht sagen, wo er a ist und wo o, weil er a und o und b und p und weil ich mich dafür hasse, dass ich kein aber finde, nur ein weil und weil das weil nichts am ja ändert. so ist das...
... und bei diesem gedanken, es so zu sagen, da bin ich ein strich, der versucht, wellen zu schlagen. obwohl ich nie ein strich, sondern immerzu zwei striche war, die einer hätten sein können und er, er hat die lücke dazwischen entdeckt, obgleich sie mit tüchern verhängt war. er hat sie abgetastet, mit worten, weil es nichts anderes brauchte. ich weiß nur nicht, was sein wird, wenn er die worte durch hände ersetzt. wenn die worte schon schreien können, was können dann hände?
ich war immerzu zwei striche. und ich wollte immerzu zwei striche sein.
weil das mein a war und mein o. und weil ich nie nur eines hätte sein können.

fakten der letzten zwei wochen, in denen die worte zu groß waren:
- sechs tage schreibwoche. achtzehn stunden zugfahrt. eine lesung.viel kritik. viel lob.
- die "lichtungen" veröffentlichen jetzt unmengen meiner gedichte. freut und überrascht.
- außerdem soll "k.s lächeln", ein prosatext meinerseits, veröffentlicht werden. möchte ihn allerdings noch ein wenig überarbeiten. nur ein wenig.
- bis nächsten donnerstag müssen meine drei prosatexte und meine zwei gedichte für den ERSTDRUCK der literaturwerkstatt graz stehen. und zwei der prosatexte sind so einfach, dass mir momentan die worte in der weite verloren gehen.
- sophie reyer getroffen. nicht nur eine wundervolle autorin, sondern auch ein wundervoller mensch. fledermaus & engel.
- es bleiben sieben tage bis zum praktikum in frankreich, das drei monate gehen wird. sieben tage. was ist das gegen drei monate? mein herz flattert.
- lesung am 5.7. hier, schade, dass ich nicht dabei sein kann.
- workshop in deutschland für herbst steht fest. peter grosz hat mich genommen, was sehr freut. ein wenig stolz macht, so ein kleines bisschen.
- singe jetzt "where I stood" von missy higgins, "samson" von regina spektor, "what can I say" von brandi carlile und "little white lies" von jenniffer kae in gesang. und langsam klappt das auch mit gefühle rüberbringen. so richtig.
- für nächsten MI steht ein "wie wirke ich auf andere"-gespräch mit habib & dagmar an. freue mich sehr darauf. immerhin sind das profis und sie kennen mich jetzt auch beinah ein jahr.
- "illuminati" im kino gesehen. schrecklicher film. schreckliche umsetzung. schreckliche kürzung. gut, dawn browns roman war eben auch einfach ein dawn brown roman - etwa leichtes für zwischendurch, etwas niveauloses irgendwo. ja. und trotzdem hätte ich mir mehr erwartet.
es passiert so wenig, mag sein, das scheint mir nur, weil jetzt diese drei frankreichmonate kommen. tourismus. service. küche. rezeption. letzteres wundervoll, erstere beiden schrecklich, ich will nichts damit tun später. und trotzdem. fürs französisch wundervoll. allerdings werden diese drei monate anstrengend werden, ich weiß nicht, inwiefern ich hier rhetorik, schauspielerei, gesang und vor allem natürlich literatur in meinen alltag einbinden kann. das verwirrt. ich weiß nicht, was ich mit dem gedanken anfangen soll.

vom russischen abgeleitet bedeutet nadja "hoffnung", aus dem orient übernommen "morgentau" und vom arabischen ausgehend "sprecherin".
und ganz allgemein ist nadja eine verniedlichung von nadeschda.
hoffnung. morgetau. sprecherin. verniedlichung.
nadja.

bücher, in den letzten drei wochen, die wundervoll waren, der rest bleibt unerwähnt: das wasser, in dem wir schlafen. die kleine liebe. jakob schläft. tja-anthologie 2008 & 2006, festschrift 1996-2007 literaturwerkstatt graz, ein hungerkünstler, ostermeier gedichte, vertrocknete vögel.



7.6.09 14:38


zerfledderte lesezeichen
oder: mhm & okay & aha


für M.

das weitreichendste ist die wasserschleppe
beim herumstreifen im nacken
ein wort wie licht in rohre schraffiert
hier erinner dich
an dezember & eine ausharrende sakkade


was tun wir hier wohin

reicht das


mund auf den mund
(rein platonisch versteht sich)
verschoben & kafkaesk ins wort gebrochen
es bleibt ein kupferner beigeschmack der
brandstiftgestapelten haut


unmittelbar später:
im dickicht
des überm schlüsselbein liegenden dörrlands
hautscharren im mai & ein immerzu
übersprochener zwischenruf


denn das dunkel war längst angebracht

16.5.09 19:52


wer wird denn da gleich weinen nur weil
sonnenfispern an der haut, die augen halb aufgeschlafen: so schneiden mir die wimpern den himmel in streifen, die augen halb geschlossen: so schraffiert die sonne ihr weiß rechts und links an die netzhaut. wenn ich die augen lange genug geschlossen halte, weiß ich nicht mehr, wo ich aufhöre und anfange, wie ich schmecke und mich anhöre. wenn ich die augen lange genug geöffnet halte, weiß ich nicht mehr, wohin ich gehöre, wo die welt aufhört und anfängt.

die sonne so heiß sticht sich unter die haut gräbt ja
flatterherz zwei handbreit unterm schlüsselbein, dort denke ich ans himmelaufreißen; mit dem haken, den hier dein lächeln einschlagen könnte [der satz bleibt im konjunktiv]. vorher: mein spiegelbild in den fensterscheiben vorbeisurrender büsse vom wasser geschliert/meerjungfrauenschwimmhäuteatmosphäre. nachher: mein spiegelbild in der balkontüre von der sonne zergrellt/meereshörenrauschenauftonband.

wer wird denn da gleich weinen ja wer wird denn da
ich werde erst dann keinen durst mehr haben, wenn ich das wasser bin, sage ich, meine stimme kriecht unter dem stacheldrahtzaun deiner haut, reißt sich den bauch auf, das wasser, in dem wir schlafen, ist von osten zitronenfaltergelb beleuchtet, von osten taumeln töne wie aufgeknackte kaffeebohnen.  das wasser, in dem wir schlafen – es ist so träge, strömt immer in dieselbe richtung.

die sonne den tag am himmel mit sich ziehen lassen wer wird denn da
ganz nah gegenüber, sagst du, gibt es den allerbesten kaffee, also falls du einmal vielleicht... du siehst mich an, als würdest du nach einer stelle an mir suchen, an der du dich festhaken könntest. ich trinke keinen kaffee, sage ich, jetzt kriecht dein blick in meine worte hinein, irrt dort, irrt dort umher, irrt und ich habe das gefühl, du willst etwas sagen, wartest auf den richtigen moment dafür. also dann, sage ich, ziehe kleine hautfetzen mit den zähnen von meinen lippen. zu hause lege ich mich in die wiese, in die sonne, unter den himmel. es war ein wenig so, wie als müsse ich dir das Du anbieten, obwohl wir uns nie gesiezt haben, schreibst du mir. du hast den richtigen moment gesucht und ihn verpasst.

und nebenbei: dies hier ist keine liebesgeschichte
den horizont verhänge ich mir tüchern, weil man ihm sonst die ewigkeit schon von weitem ansieht.
7.5.09 20:19


und ich beginne, den winter zu hassen
& später: ich vergesse, den winter zu hassen.

windflimmern unterhalb des schlüsselbeins
ein dumpfes decressendo deiner stimme
so wie du am wort entlanggeflohen

bist muttermaldreieck am hals

und wie ich das lineal über deine haut tippeln lasse
bleibt mir eine dauer zurück
bis die nacht blauschwarz dein fingerzittern erstickt

uno
sich umdrehen und einen herzschlag lang nicht mehr wissen wo, und wo mitte wo töne wie glühdrähte und lichterkränze dort und hier und sich drehen, sich drehen und

dos
ich drücke die welt mit meinen ellbogen auseinander um mich dazwischen zu legen, dufttrunken sickert wort um wor aus meinen augen. ich schneide mir dreiecke in die netzhaut, rechts und links, dass mir nur noch vor mir bleibt und vor mir es wird zeit, alles, was da ist, ist mit milch bestrichen. ich forme meine hände zu schlaen und zähle sie dort bei lichteinfall hinein. womöglich bin ich farbenblind, sehe nur zebrastreifen.

tres
mir entgleisen die atemzüge.
mach die fenster und türen zu, jede spalte füllen wir mit grasnarben. keine spur der zugluft.

quatro
kupferstichig die hände, dort fürchte ich mich vor grünspan. beim aufstehen dort im dämmerlicht reiße ich mir den morgen von der haut, später läuft mir mein schatten spinnenfingrig kontur an kontur und wie die nasenflügel flattern, erschlage ich nachtfalter und werfe sie in die mülleimer. ich teile regenwürmer mit dem messer und die eine hälfte schlängelt sich in eine andere richtung weiter alsdie andere. man sagt, das ist einfach so.

cinco
die sprache franst mir aus und scheuert mir die arterien blutleer, mit stofffetzen klebte ich an die sprache an, wüsste ich, wo sie beginnt und endet. ich lausche der nacht und die luft streicht mir die lider zittrig.
sagen wir: verblassen unter moosschichten, anderswo ist der himmel näher, dort wo ich deine hand berühre. (und) nichts weiter.

seis
zwischen den worten, die ich sage und jenen, die ich sagen möchte, liegt ein vakuum, vor das ich goldbemalte gaze hänge. es ist nicht alles gold, was davor glitzert.
notiz an dich:

ich schliere mir meine muttermale
du sollst mich nicht entziffern
& komm, wir schmelzen die uhrzeit zu gewässern
abgestanden im wohnzimmer
unsere gedanken stecken wir zu birken
um sie später zu fällen

im gehäuse einer vertrockneten schnecke
finden wir etwas liebes
geflüster erstickt an seiner eignen
sprache faltest du zu einem origami

nur der wind trägt es später rückwärts
oder ist es wohl dein atemzug?

siete
wie eine flusskiesel rollt der schlaf über den grund jeder frühlingsnacht.

29.4.09 21:20


rotstich

la lueur de l'aube
im rückspiegel fische ich nach dem licht, als es mir ins netz geht, ersticht es mir die augen. lese von straßen die tautropfenen grashalme, lege sie mir an die haut, um nur einmal fasern zu sein. im spiegel schielt mir der blick, schlierig taste mir den körper wund, die luft riecht nach salz, hier möchte ich das knacken von muscheln aufnehmen, ob es wohl sehr anders klingt, wenn meine knochen knacken?

la lumière rouge
ich reiße die luft auf, um dahinterliegendes aufzudecken, doch die luft hat nicht nur eine haut. die erste ist mir zersprochen, ich verliere mich zwischen den kommata. mir ist der gedanke an tag und nacht abhanden gekommen, dort wo die leere unterhalb des schlüsselbeins klafft, sähe ich die samen der sprache, doch war ich (ihr) nie ferner, nie nackter, dass mir scheint, mein körper muss dort aufhören, wo die sprache in mir wurzeln schlägt.

coucher du soleil
an meinen wangen taste ich nach kiemen, vertockneter sauerstoff wird zum anfeuern verwendet, womöglich klaube ich ihn später verbrannt heraus. aus meinem lächeln ziehe ich das glück und verkaufe es an bordsteinkanten. ich möchte mir meine stimme bei tonformung einmal aufschlitzen, nur einmal soll sie bluten, man sagt, die dinge seien sterbend am schönsten, am reinsten.

la lueur de la lune
ich halte das fenster in händen und plötzlich ist dahinter kein himmel mehr, mit den fingern kratze ich mir wolken ins glas. und dort, wo sich abends das zimmer verspiegelte, klafft ein offenes loch. zugluft. nordwind. ich spanne eine wäscheleine darüber und hänge meine worte zum trocknen auf, womöglich riechen sie dann ein wenig nach mir entkommen.

la lueur de l'aube
wenn ich lange schweige, weiß ich nicht mehr, wonach meine worte klingen. wenn ich lange rede, weiß ich nicht  mehr, wonach meine worte schweigen. lungernd im dickicht einer tagnachtbrücke, wann sie mir wohl wegbricht? ich sehne mich nach rumgetränktem samt gedanken, die ich zerschneide, um das wenige, das da noch ist, auszukratzen. ich schreibe mir "ich" auf die stirn, verschreibe mich und weiß des spiegelbilds "hci" nicht zuzuordnen.

le macchabée
die nächte verbrennen sich am kerzenwachs, bei morgendämmerung kratzt man das schwarz von den kleinen körperchen, schwarz fällt der schnee:
die morgen fallen wie erschossene vögel ins gras. dazwischen brechen mir die worte, ihr knacken kann ich nicht zuordnen, womöglich ein wenig wie muscheln, ein wenig wie knochen. denn der frühling erhängt sich im kirschblütenbaum.

du sagst, reden ist wort, schweigen ist keines.
komm; wir falten beides auf,
schau, wie kiemen klappen wir beides zur
seite hin weg. und dann sag mir noch einmal:
reden ist wort, schweigen ist keines.


22.4.09 17:25


mein herz zittert vor meinen himmeln.

das leben ist ein vorgefertigtes stück acker. gieß ihn, sagen sie.

zwei schichten zu viel, wo fällt mir wohl die maske ins licht, und der honig tropft mir von den lippen, es bleibt nur finstergewächs in mundhöhlen. ich halte den atem für einige zeit an um  mich in notzeiten damit füttern zu können. habe mir ein sparschwein gekauft, beim schütteln höre ich den einzelnen herzgroschen klimpern.

besprich meine haut wie mohn, und sag mir bittermandeln. halt mich nicht fest, halt mich frei. aber halt mich. und keiner versteht sich aufs festhalten im loslassen. von küssen rotumrahmte münder ziehen das sehen der lippen mit sich; wenn wir die nacht dunkeln, zerfließt mir meine hüfte zu einer welle. atemlaut, atemleise. sonne wie glühwürmchenquartett. erlaube mir beides nur kurz vor mitternacht, denn dort ist er papierkorb nicht weit. unter meiner haut liegen meere. ich lecke sie kurz nach mitternacht den wasserhahn, um beim frühstück ins blaue zu stechen: wusstest du, dass das meer aus dem wasserhahn tropft? 
später beim fingerballett wünsche ich mir einen namen wie malina, taste mir die uhren tief hinein.
morgens malen wir uns wie aus gittern, nachmittags suchen wir nach schlüsseln und abends sperren wir uns auf um uns alsbald wieder zuzusperren. der nordwind kriecht unter die laken. ich fürchte mich vor dem tod, sage ich, schöpfe asche auf meine stimme. wie ist er denn, dein tod?, fragst du, kratzt mit zahnstochern über totes land. wie ein stummfilm.

das leben ist ein vorgefertigtes stück acker. gieß ihn, sagen sie. und keiner schenkt mir eine handvoll wasser.

13.4.09 19:41


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