ich. diminutiv. oder: weil.

ich bin lesbar. und ich frage mich gerade, was ich mir bei diesem satz bin. ich bin lesbar. ja. bin hörbar, berührbar, sehbar, riechbar, schmeckbar - das sind drei lügen.
ich bin lesbar.

a: der typ frau bist du nicht, nadja.
o: bitte, sag nicht nadja.
a: wieso nicht?
sagen: einfach so.

denken: weil das zu sehr ich bin. vom russischen abgeleitet bedeutet nadja "hoffnung", aus dem orient übernommen "morgentau" und vom arabischen ausgehend "sprecherin".
mein vater war ganz versessen darauf, mich nadja zu nennen. es musste dieser name sein. kein anderer. und es musste ich sein. wollte zu früh sitzen lernen, hantelte mich am tisch entlang, gehen wollte ich, sofort und dann stundenlang den aquariumsbildschirmschoner am computer meines vaters betrachten, mit den händen die konturen der fische nachzeichnen, nie alleine sein, meiner mutter überall hinfolgend, und mir beim selbstständigen kakaokochen, als meine mutter einmal, während die milch aufkochte, im badezimmer zum telefonieren verschwand, nicht die finger verbrannt, sondern nur das herz, als der kakao auf den boden stürzte - weil es so nicht geplant war. 
habe mich vor einigen jahren zu häufig und zu heftig darüber beschwert, mir schien nadja so unpassend in seinem wortlaut, seinem klang. nadja. kantig, knapp, zu viel a darin, zu viel anfang und kein hinweis darauf, wo ein b lieg, ein m und ein o.
hoffnung. morgentau. sprecherin. passender könnte nichts sein. nichts.

es sollte mir gut gehen. hier bei mir, wie die sonne über die haut streicht und platzregen die betonfließen am balkon dunkel färbt, dass eine mir ihr lächeln in den nacken heftet und sagt: der himmel tropft, auch wenn ich diese eine bin; wie die finger im gras irren, als sei hier ein bisschen zeit liegen geblieben, eingeschlängelt.
stattdessen sehen die augen ohne linsen und brille nur geschliertes, ein wenig wie: ich sehe was, was du nicht siehst, dabei die augen zukneifen und den andern gewinnen lassen. oder: ich halte mir frühmorgens das wasserglas gegen die stirn, darin das puppentheater eines frühmorgens und mich dann nicht groß fühlen. nur plump.
es ist ein warten. vom ersten wolkenzerpflücken am himmel bis zum dunkeln des zimmers am abend; wenn ich mit den fingern über die ausgetrocknete erde der pflanzen am balkon streiche, mir denke: die sollte man gießen und dann: mich auch. auf meinem schreibtisch sind die gänseblümchen eingegangen, wenn man versucht "er liebt mich/er liebt mich nicht" zu spielen, zerfallen alle blütenblätter auf einmal.

ich denke: ich hätte sie verdient. die liebe. die kleine liebe. weil die große mich erdrücken würde, weil sie nicht vermessen könnte, weil ich in ihr herumstreifen würde, frühlingsauf, herbstab, umgekehrt auch, und nicht anstoßen würde, nicht anecken und weil ich nie könnte, ohne dieses kantenschleifen an der haut, weil kontra geben das a ist, das o nicht, aber immer das a, weil dort alles anfängt. weil ich so viele lächeln übrig habe, weil meine lippen nicht rau sind, weil meine haut im nacken und am schlüsselbein sich ins gold verfärbt, weil ich nie ballett tanzen konnte, aber die finger meinen, einen versuch sei es allemal wert.
weil ich immer schon das kleine wollte und nie das große. weil das problen an diesem wollen keines gewesen wäre, hätte ich nicht immer alles kleine gewollt, alles alles alles. weil ich detailverliebt bin und wenn jemand sagt: die bananenschale falte ich zu einer ziehharmonika, muss das ich sein.

mir ist die lust aufs bloggen vergangen. wieso verkleiden, was nicht zu verkleiden gilt? mich hinter metaphern verstecken fällt mir zu leicht. und ich wollte nie den einfachen weg gehen. will warten, bis ich eine form des einfach seins gefundn hab, in der man hinter all dem "schrotter auf" eine verwischt spur ich lesen kann.

es ist nicht, dass er mir nicht gut ginge. es ist, dass es mir nicht gut tut. und weil er nicht ist, nur kontra gibt, nur das a ist und das o, weil seine worte schwarz sind und weiß und wissen und scharf und kantig sind und bleischwer, weil ab und an so am rand lächeln, darüber hinau lächeln, nur ganz leicht, dort bröckeln und man schon meint, etwas dahinter sehen zu können, man meint, das lächeln knnte man zerpflücken und es bliebe ein mund wie ein strich. dort sagen: dein mund ist ein strich und er bleibt es, wenn ich dich küsse. das zitieren, weil es einfacher wäre. dort müsste man allerdings sagen: von deinem mund zieht sich ein strich entlang deines körpers, verfängt sich an deiner hüfte, stolpert dort, und zieht dann weiter. und es bleibt dieser strich, wenn ich dich berühre.
weil es nur ums "ja" und "nein" geht und nicht um die zwischentöne eines "ja?" und eines "nein?". weil nicht nur seine worte blei sind, sondern seine liebe es auch wäre und weil ich nicht weiß, und es doch weiß, aber es nicht glauben will, ob und dass sie mich zerdrücken würde, so, wie man surrende mücken erschlägt, sich danach die finger vom kalten wasser rein waschen lässt und sich manchmal fragt: was sollte ich hier fühlen?
er tut mir nicht gut. vielleicht ist es das, vielleicht reicht das. weil ich immer jene wollte, die gingen, die blei zurück ließen und atemreste, die weder warm noch kalt noch lauwarm, die einfach atemreste waren. weil das und er nicht nur a ist, sondern auch o und weil ich ohne schablone noch nie ein perfektgeformtes o zeichnen konnte.

etwas wie ein brennen zieht sich vom hals herauf in die augen. ich könnte heute nicht einfach sein, weil die ehrlichkeit darin mir lügen strafte: es war ein kindliches provozieren, das darin endete, dass er mich zu sich nach hause einlud. für irgendwann. weil er gut aussieht und das auch weiß, weil er intelligent ist und das auch weiß. weil ein gedanke und ein wort am anderen reibt und weil das knistern, das man daraus lesen kann dasselbe ist, wie zu schreiben: als sie die hände losließ, brach der himmel weg. sie schwang kopfüber den der schaukel.
ich kann nicht sagen, wo er a ist und wo o, weil er a und o und b und p und weil ich mich dafür hasse, dass ich kein aber finde, nur ein weil und weil das weil nichts am ja ändert. so ist das...
... und bei diesem gedanken, es so zu sagen, da bin ich ein strich, der versucht, wellen zu schlagen. obwohl ich nie ein strich, sondern immerzu zwei striche war, die einer hätten sein können und er, er hat die lücke dazwischen entdeckt, obgleich sie mit tüchern verhängt war. er hat sie abgetastet, mit worten, weil es nichts anderes brauchte. ich weiß nur nicht, was sein wird, wenn er die worte durch hände ersetzt. wenn die worte schon schreien können, was können dann hände?
ich war immerzu zwei striche. und ich wollte immerzu zwei striche sein.
weil das mein a war und mein o. und weil ich nie nur eines hätte sein können.

fakten der letzten zwei wochen, in denen die worte zu groß waren:
- sechs tage schreibwoche. achtzehn stunden zugfahrt. eine lesung.viel kritik. viel lob.
- die "lichtungen" veröffentlichen jetzt unmengen meiner gedichte. freut und überrascht.
- außerdem soll "k.s lächeln", ein prosatext meinerseits, veröffentlicht werden. möchte ihn allerdings noch ein wenig überarbeiten. nur ein wenig.
- bis nächsten donnerstag müssen meine drei prosatexte und meine zwei gedichte für den ERSTDRUCK der literaturwerkstatt graz stehen. und zwei der prosatexte sind so einfach, dass mir momentan die worte in der weite verloren gehen.
- sophie reyer getroffen. nicht nur eine wundervolle autorin, sondern auch ein wundervoller mensch. fledermaus & engel.
- es bleiben sieben tage bis zum praktikum in frankreich, das drei monate gehen wird. sieben tage. was ist das gegen drei monate? mein herz flattert.
- lesung am 5.7. hier, schade, dass ich nicht dabei sein kann.
- workshop in deutschland für herbst steht fest. peter grosz hat mich genommen, was sehr freut. ein wenig stolz macht, so ein kleines bisschen.
- singe jetzt "where I stood" von missy higgins, "samson" von regina spektor, "what can I say" von brandi carlile und "little white lies" von jenniffer kae in gesang. und langsam klappt das auch mit gefühle rüberbringen. so richtig.
- für nächsten MI steht ein "wie wirke ich auf andere"-gespräch mit habib & dagmar an. freue mich sehr darauf. immerhin sind das profis und sie kennen mich jetzt auch beinah ein jahr.
- "illuminati" im kino gesehen. schrecklicher film. schreckliche umsetzung. schreckliche kürzung. gut, dawn browns roman war eben auch einfach ein dawn brown roman - etwa leichtes für zwischendurch, etwas niveauloses irgendwo. ja. und trotzdem hätte ich mir mehr erwartet.
es passiert so wenig, mag sein, das scheint mir nur, weil jetzt diese drei frankreichmonate kommen. tourismus. service. küche. rezeption. letzteres wundervoll, erstere beiden schrecklich, ich will nichts damit tun später. und trotzdem. fürs französisch wundervoll. allerdings werden diese drei monate anstrengend werden, ich weiß nicht, inwiefern ich hier rhetorik, schauspielerei, gesang und vor allem natürlich literatur in meinen alltag einbinden kann. das verwirrt. ich weiß nicht, was ich mit dem gedanken anfangen soll.

vom russischen abgeleitet bedeutet nadja "hoffnung", aus dem orient übernommen "morgentau" und vom arabischen ausgehend "sprecherin".
und ganz allgemein ist nadja eine verniedlichung von nadeschda.
hoffnung. morgetau. sprecherin. verniedlichung.
nadja.

bücher, in den letzten drei wochen, die wundervoll waren, der rest bleibt unerwähnt: das wasser, in dem wir schlafen. die kleine liebe. jakob schläft. tja-anthologie 2008 & 2006, festschrift 1996-2007 literaturwerkstatt graz, ein hungerkünstler, ostermeier gedichte, vertrocknete vögel.



7.6.09 14:38
 


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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


/ Website (8.6.09 15:28)
das kann ich dir nicht sagen
aber wie kann man jemanden festhalten der gehen wird und nie einem gehörte,
aber doch das gefühl hatte das dieser jemand sein leben,sein herz ist?


Hermann Josef / Website (12.6.09 19:18)
Liebe Nadja,
das sind bewegende und bewegte Worte bzw. sie beschreiben eben dieses Sein. Ich wünsche Dir bei allem was kommt immer die Sinne, die notwendig sind, um Dein Schwingen zu erhören und das, was schwingen kann, zum Schwingen zu bringen. Und mit einem Augenzwinker *-) ... ich meine das Schwingen der deutschen Sprache und nicht den Volkssport der Schweizer.
Aber vor allem - sei behütet.
Herzensgrüsse von
Hermann Josef

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