I

morgens flimmert das lid rechts in den winkeln. ich schreibe: an der rechten wange, ein wenig so neben dem muttermal am nasenflügel, unter dem wangenknochen, dort noch ein schwaches nachspüren seiner worte. es ist abwärts gerutscht. hat sich zwischen zwei rippen verfangen. ich linse durchs schlüsselbein, man hat darunterliegendes mit tüchern verhängt, gedunkelt kann ich nicht einmal die farbe erkennen. geraten: kardamon. moschus.

*
der blick verfängt sich im tischdeckenmuster, es fällt so schwer, ihr in die augen zu sehen und wie verschroben die finger am glas wandern, sagt sie den hollundersaft hab ich selbst gemacht, und ich versuche ein lächeln, das auf halbem weg in der luft erhängt, denn ich darf nicht fragen für wen?, weil es sich nicht gehört. ihr mach’s gut klingt leise und zu weit, wie der himmel über mir, den die stromleitungen wie reißverschlüsse verarzten.

III
ich will schreiben: die muttermale in deinem nacken sehen aus wie das sternbild waage. ich möchte mich auf die eine seite legen und sehen, was mehr wiegt. ich, oder dein leben. und während ich will, knirscht die tür, dann der fußboden, leise sagt er: oma hat angerufen und ich blinzle ein wenig, so vier fünf bilder wie er im türrahmen lehnt. sie sagt danke. fürs reden gestern. sie sagt, es sei schön gewesen, sehr sehr schön. ein paar mal nicken, schlucken, pelzige zunge. sie hat geweint, sagt er, türknirschen und allein zurückgelassen nichts mehr wissen, ein gedanke an eine umarmung und zierliche schultern, ein lächeln und tränen in den augenwinkeln, muschelrauschen und wie man mit messern auf die hülse schlägt, bis sie bricht – darin doch kein meer, auch kein rauschen. sie hat geweint. wie weh es tut, zu hören, dass selbst schnee wärmen kann.

IV
ich schweige am morgen, am mittag, am abend. denn was ich mir wünsche, ist jemand, der mich anfasst, als sei ich ein papiermensch, der mit mir in meinem schweigen die worte sucht, das ist ein grenzenfischer, der nur montags und donnerstags da ist und dem ich an den anderen tagen briefe schreibe in denen steht ich liebe es, dich zu vermissen, ich liebe es, mir vorzustellen, dass du eine andere küsst und dabei an mich denkst, ich liebe es, wenn du sagst, ich vermisse dich. was ich mir wünsche, ist jemand, der auf ein blatt papier oder eigentlich auf fünf mal fünf zentimeter eine mauer malt, dahinter ein junge, der seine angel über die mauer wirft und davor nach einem mädchen fischt, das lächelnd einen kuss an die angel heftet. das mädchen sollte ich sein. was ich mir wünsche, ist jemand, der weiß, dass ich das bild abends unter der dusche mit lavendelöl wegwaschen werde, der dabei an mich denkt und alle weißen papierblätter im haus zerreißt, weil das ist, wie sich an mir zu rächen, ohne mir weh zu tun. was ich mir wünsche, ist jemand, der mir keine briefe schreibt, mir sagt ich liebe es, dich zu vermissen, ich liebe es, mir vorzustellen, dass du einen anderen küsst und dabei an mich denkst, ich liebe es, wenn du sagst, ich vermisse dich. was ich mir wünsche ist einer, der abends die worte vergisst, dessen hände kalt sind, dessen fingerspitzen zittern. das ist jemand, mit lippen weint.

*
ich habe jedem einzelnen mit den fingerkuppen „grenzfischer“ auf die haut geschrieben, dann haben sie die hände mit worten verwechselt, mich mit einer anderen und versucht, aus jedem vokal ein netz zu knüpfen und geweint, mit stimme und mit worten, als ich sie ihnen zerbiss. was ich mir wünsche, ist ein grenzfischer ohne netz, das ist jemand, wie du.

V
ich habe mir zuggesichter gesammelt, arztpraxisgesichter und straßenalleegesichter bei zwei uhr nachts. die ersten sind verzogen und geschliert, die zweiten scharf gestochen und die dritten ein schwarzer fleck. ich habe mir zu allen namen überlegt, keine gefunden und die gesichter in meine hände gebettet und später habe ich unter der bettdecke meinen atem gesucht, mir mit händen über die lippen gestrichen.

*
heute morgen habe ich mir stimmbruch an die mundwinkel gestickt. in meinem kopf bleibt ein geräusch: das zerreißen von papier.

9.6.09 15:30
 


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bisher 12 Kommentar(e)     TrackBack-URL


dt / Website (10.6.09 21:44)
Ich mag deinen Nervenkitzel. Hier bleibe ich.


k / Website (21.6.09 12:23)
verzeih, bitte, verzeih.
es ist zu viel passiert in letzter zeit, ich habe zu wenig zeit für alles, was passiert (als würde es zeitlich einfach nicht mehr reinpassen). ich denke viel an dich, hab deinen text gelesen, er ist wunderwunderschön. mich in jedes wort verliebt.
denk ein wenig an mich, n, vergissmeinnicht.


Sommerlicht / Website (13.7.09 12:19)
-Rundmail an meine Affis-

Hey,
ich wollte euch nur sagen, dass ich zur Zeit viele Gutscheine im Wert von 10€ für Cewe-Fotobücher habe.
Wer also einen haben mag -einfach melden.
Mehr Infos:
www.cewe-fotobuch.de


Nikci / Website (14.7.09 16:30)
Deine Worte stecken immernoch voller Zauberei. Es tut gut, deine Art zu schreiben wieder zu lesen. Es ist ein kleines "Willkommen zurück".

Ja, ich bin wieder da. Allerdings nicht mit Hochhaus. Neu, ganz neu.
Meine Zauberin, ich hoffe, du hast mich nicht ganz vergessen.


ma-rie (2.8.09 11:22)
danke, liebes. wirklich danke. für alles, was du sagst und schreibst und du weißt schon, nicht? bin leider weder heute noch morgen abend da, weil ich von heute bis nächsten mittwoch mit paps weg bin. aber du, ich schreib dir heute abend noch ne hübsche mail, ja? und erzähl dir von der ostsee und der silberhochzeit und dem klassikabend und mir und allem.

ich find dich sehr toll.
nur damit dus weißt.


(p.s. sag mal, hatte ich dir jetzt eigentlich schonmal die absolut coolen videobotschaften geschickt?)


ma-rie (2.8.09 11:23)
oh - und: JA. seasons of love ist sowas von absolut und total wunderbar. ich liebe es. ich hörs den ganzen tag. :D


Franzi (11.8.09 17:24)
Oh Gott, ich war ewig nicht mehr hier um ein wenig in deinem Leben herumzuschnüffeln.
In letzter Zeit habe ich einfach das Gefühl, mein Kopf wehrt so vieles ab, ist viel zu beschäftigt damit, mich zu schützen. Ich bin so traurig, manchmal, und ich weiß nicht warum, und ich habe Angst davor, es vielleicht irgendwann herauszufinden.
Auf der anderen Seite bin ich unheimlich gespannt, ob mir Veränderung steht und wie sie schmeckt. Ob wir zusammenpassen? Es muss.
Mir macht mein Bruder Sorgen. Du weiß, wir, die chaotische Patchworkfamily. Max weiß manchmal nicht zu schätzen, was das Leben und die Familie ihm schenkt, und ich möchte es ihm verdammt gerne unter die Fingernägel ritzen, bis er es spürt.
Bennet versteht doch noch nichts, er weiß doch nicht, dass er ihn nervt und dass sie nicht blutsverwandt sind, und ich frage mich, wie kann das Max so sehr interessieren, wie kann er in das 4-Jahre-Gesicht blicken und denken, du bist nicht mein Bruder?
Ich vermisse meine Oma und meine Eltern, weil Oma tot ist und weil meine Eltern auf eine andere Ebene gerutscht sind, obwohl sie sich nicht bewegt haben, sondern ich, aber ich weiß überhaupt nicht, wo ich bin.
Ich bin verwirrt...
Ich melde mich hier wieder regelmäßig, versprochen.


Hermann Josef / Website (3.11.09 22:19)
Hallo Nadja,
mag mich mal wieder melden. Ich sehe diesen Eintrag bei mir immer als letzten Eintrag. Vielleicht ist das so?
Hoffe, es geht Dir gut und freue mich über ein Lebenszeichen.
Liebe Grüsse von
Hermann Josef


k. / Website (23.2.10 00:20)
wo bist du? wo bist du nur?
n, bitte bitte melde dich. bitte.
ich suche dich
im regen und im schnee.
bitte melde dich.


k. / Website (3.5.11 21:22)
n., lebst du noch? erinnerst du dich noch? wir haben uns zauberworte geschenkt. und ich brauche deine zauberworte. sag, was dir alles passiert ist seither.


(24.9.13 16:55)
wo finden wir sich ?


(6.1.14 18:57)
wir haben jahre damit verbracht uns zu verstecken und nun suchen wir dich halbwegs in der buchstabentinte, erworben im kostengünstigen aldidiscount.

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